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    Für Alters- und Pflegeheime, sowie für Spitex-Betriebe führe ich einzelne Praxistage durch. An diesen Tagen pflege ich in komplexen Betreuungssituationen unter Berücksichtigung einer (oder mehrerer) Fragestellungen aus dem Team mit. Im Anschluss daran werden Beobachtungen im interprofessionellen Team ausgetauscht, ausgewertet, um gemeinsam Antworten auf die Fragestellung(en) zu finden. Ein Arbeitsblatt nach SENS (Standortbestimmung/Evaluation), sowie das Protokoll nach SENS sind wertvolle Strukturhilfen.

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Sterbehilfe in der Familie

Suizidbeihilfe

Tamedia-Autor Matthias Schüssler hat seinen krebskranken Vater in den Tod begleitet: Ohne grosse Gesten, «aber innerlich schüttelte es uns alle».

Von Matthias Schüssler, publiziert im Bund am 24.9.2020

Was zieht man an, wenn man zu einer Freitodbegleitung gerufen wird? Ich stehe ratlos vor meinem Kleiderschrank. Hier hilft niemand weiter, nicht einmal die Mode-Influencer. Nutzlose Bande – jetzt, wo ich auf Rat angewiesen wäre. Das schwarze Hemd mit den weissen Knöpfen? Das wird mir garantiert den Spruch «Warum bist du angezogen wie für eine Beerdigung?» eintragen.

Nach längerem Hin und Her wähle ich das nachtblaue Polohemd. Ein Freipass für einen Konter: «Ich mache hier bloss Zwischenstation auf dem Weg zum Minigolf.» Doch meine Sorge ist unbegründet. Heute ist nicht einmal ihm nach ultraflachen Sprüchen zumute. Abgesehen davon ist er so sehr sich selbst wie an jedem anderen Tag: keine Zweifel, kein Hadern. Er hat seine Meinung gemacht, und dabei bleibt es. Er wird sein Leben beenden und dem Krebs den Garaus machen, der an mindestens drei Stellen in seinem Körper frisst.

Seit ich ihn kenne, hat er mit dieser unfassbaren Sturheit meinen Widerstand angestachelt. Doch heute bin ich dankbar darum. Wir sitzen alle in der Küche. Beim letzten Espresso erzählt mein Vater, wie er und meine Mutter ihren letzten gemeinsamen Abend gestern verbracht haben. Er sei früh im Bett gewesen und habe geschlafen, sagt er. Nicht einmal ein Scrabble haben sie gespielt, das heilige Abendritual. Und schon ist mein Widerspruchsgeist geweckt: «Wie kann man nur?» Ich hätte die Platten meiner Jugend aufgelegt. In den Fotoalben geblättert. Einen immer verpassten Film angeschaut – auch wenn ich mich den ganzen Abend nicht für einen hätte entscheiden können. Und, natürlich: über das Leben sprechen, ein Glas unanständig teuren Wein trinken. Bilanz ziehen: was gut war. Was Scheisse war. Verpasste Chancen beweinen.

«Kein Tamtam»

Doch er war müde. Vom gestrigen Nachmittag, den er zusammen mit uns Kindern und seinen Enkeln verbracht hat. Alle waren da. Die Kinder hatten keinen Sinn darin gesehen, sich pietätvoll zu verhalten. Es war wie immer ein Gewusel, Grossmutters Spiel sachen kamen zum Zug. Dann ein Moment, in dem allen wieder eingefallen war, warum wir jetzt hier sind: als der Zweitjüngste sagte, er möchte ein Erinnerungsstück von Grosspapa haben. Und wenn es nur eine alte Socke sei.

Jetzt sagt mein Vater, wie sehr er sich über diesen Besuch gefreut habe. Mir geht auf, was für ein grosses Privileg es ist, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Sich verabschieden zu können.

Er hat reinen Tisch gemacht: Geschwister und Wegbegleiter getroffen, ihnen seinen Entscheid mitgeteilt. Vereinzelte Vorwürfe, er pfusche dem lieben Gott ins Handwerk, abprallen lassen. Dem lieben Gott hat er schon vor sechzig Jahren die Gefolgschaft aufgekündigt. So bleibt es dabei: «Kein Tamtam.» Damit meint er Rituale wie Totenwache, Trauerzirkulare oder eine Beerdigung. Seine Asche soll unter seinem liebsten Baum verstreut werden.

Frau Heinz von Exit erscheint, auf die Minute genau. «Sogar beim Sterben seid ihr Schweizer pünktlich», hatte meine Frau gelästert, als sie von der genauen Planung erfahren hatte. Frau Heinz erklärt, dass die Behörden genügend Reaktionszeit brauchten. Der Staatsanwalt wird die Leiche freigeben müssen. Frau Heinz von Exit strahlt Ruhe aus. Sie macht diese Arbeit seit Jahren. Sie spricht aus, was auch mich beschäftigt: Wenn man ihn sieht, würde man ihn nicht für todkrank halten. Chemo, Bestrahlung und die brutalen Schmerzmittel haben ihn älter werden lassen. Aber noch immer erscheint er mir wie ein Buddha, wie er hinter seinem winzigen Espressotässchen sitzt.

Nach einem freundlichen Gespräch erklärt Frau Heinz, es sei Zeit, das Mittel gegen den Brechreiz einzunehmen. Wie am Tag zuvor bin ich stolz auf meine Familie: Keiner behandelt ihn wie ein rohes Ei, niemand richtet einen Scheinwerfer auf ihn oder macht ihn zum Märtyrer – was er auf den Tod nicht ausstehen könnte. Nein, er kriegt die gleichen Widerworte, die er immer bekommen hat, wenn er allzu stur war. Nur meine Mutter, nach 45 Ehejahren, lässt ihm ein paar Dinge durchgehen.

Als das Beruhigungsmittel wirkt, verlassen wir die Küche. Eine kleine Verzögerung ergibt sich beim Öffnen des Döschens mit dem Natrium-Pentobarbital-Pulver. Die hätten einen neuen, widerborstigen Deckel, sagt Frau Heinz. Ich bekomme die Dose auf, ohne etwas zu verschütten. Trotzdem kann ich mir die flapsige Bemerkung nicht verkneifen: «Jetzt bloss nicht die Finger abschlecken!»

Wir treten ins Schlafzimmer. Er verabschiedet sich von jedem. Kurz, mit wenigen Worten, einem Tschüss und fester Umarmung. Am Schluss, und für ein paar Sekunden länger, drückt er die Frau, mit der er fast ein halbes Jahrhundert lang das Leben geteilt hat: «Machs gut.»

Er setzt sich aufs Bett, und zwei von uns flankieren ihn auf beiden Seiten, um ihn zu stützen. Frau Heinz reicht ihm das Glas mit dem nun aufgelösten weissen Pulver, das er selbst leeren muss. «Wenn Sie das trinken, gibt es kein Zurück», sagt sie. Er zögert nur unmerklich, setzt an, trinkt in zwei Schlucken. Schüttelt sich, sagt, das schmecke grauenhaft. Er war vorgewarnt und trotzdem überrascht über die Bitterkeit. Sirup zum Nachspülen steht bereit.

Während wir warten, betrachte ich die Bettwäsche: ein flächiges, mondrianartiges Muster mit knallbunten Farben. Ob meine Mutter die bewusst ausgesucht hat? Bestimmt. Alle schweigen, während er wie immer wirkt. Doch plötzlich ein Ruck: «Jetzt geht es los!», sagt er. Dann müssen wir nicht mehr viel länger warten. Die Augenlider werden schwer, seine Atmung geht ruhiger. Ein Seufzer.

«Er schläft tief, ist schon ganz weit weg», sagt Frau Heinz. Trotzdem sollen wir ihn weiter stützen. Und als ich neben ihm sitze, sein Profil betrachte, klärt sich ein Rätsel, mit dem ich die letzten 35 Jahre gehadert habe. Meine Grossmutter hat es mir einmal mit den Worten «Wenn man Probleme hat, muss man ja auch nicht noch darüber sprechen» erklärt. Ich habe das für eine ultrazwinglianische Dialogverweigerung gehalten, für engstirnige Verschlossenheit. Doch ich merke, dass ich mich getäuscht habe. Denn ich schaffe diesen Moment, weil ich genauso bin: Niemand von uns mag über das Schicksal klagen, zetern oder Gott verfluchen. Und keiner schreibt einen Facebook-Post mit vielen traurigen Emojis. Es ist, wie es ist.

Darum hat niemand ein Wort über meine Erkältung verloren, die irgendwie auch eine Covid-19-Infektion sein könnte. Die Prioritäten liegen auf der Hand. Und die Tränen, die jetzt fliessen, fliessen leise. Ohne die grosse Geste und mit kaum sichtbaren Regungen. Aber innerlich schüttelt es uns alle.

Nun liegt er auf dem Bett. Die Atmung hat ausgesetzt. «Das Herz schlägt noch», erklärt Frau Heinz: «Bis ihm der Sauerstoff ausgeht.» Ich habe ein Bild vor Augen, das gerne für diesen Moment bemüht wird und auch mir passend erscheint: die Kerze, die dabei ist herunterzubrennen, schwächer wird und erlischt. Jetzt verstehe ich, warum Frau Heinz mich gebeten hatte, ein Fenster zu öffnen. Nicht wegen der frischen Luft. Sondern, damit seine Seele weiterziehen kann.

Und das hat sie jetzt getan. Die Farbe beginnt aus seiner Haut zu weichen, erst an den Fingern, dann im Gesicht. Es wirkt entspannt, unendlich ruhig. Ich dagegen zittere, als ich sage: «Man sieht, dass er seinen Frieden gefunden hat.»

Die Würde des Abschieds

Kurz darauf erscheint die Polizei, die Frau Heinz gerufen hat. Ein junger und ein älterer Polizist, die sich ein Bild verschaffen und am Küchentisch einen Rapport aufsetzen. Der junge Polizist irritiert mich: Während er erklärt, warum er hier ist – es liege ein ungewöhnlicher Todesfall vor, der untersucht werden müsse -, schaut er fast nur mir in die Augen, nicht meiner Mutter oder meinen Schwestern. Mir liegt ein «Hey Alter, die Zeiten sind vorbei, als der Mann automatisch das Sagen hatte» auf der Zunge. Aber ich sage nichts. Er ist nicht für uns da, sondern für den Verstorbenen. Und der war einer kleinen Kumpelei selten abgeneigt.

Mit der Ankunft der Polizisten hat die administrative Bewältigung begonnen: Der seltsame Schwebezustand in der Zeitlosigkeit ist vorbei. Die Behördenvertreter erledigen ihre Arbeit speditiv und freundlich. Ich habe eine neue Aufgabe: den Pizzakurier abzufangen. Wir alle haben in den letzten Tagen kaum etwas gegessen. Nun meldet sich der Hunger. Darum könnte es passieren, dass der Lieferbote mit dem Essen den Sargträgern in die Arme läuft. Doch der makabre Zwischenfall lässt sich verhindern: Die Würde des Abschieds bleibt gewahrt.

Als ich einen Tag später, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, meiner Tochter beim Spielen zusehe und die Herbstsonne auf meine Seele scheinen lasse, spüre ich, wie eine monatelange Last weicht. Ich habe kaum gemerkt, dass sie da war, und ich fühle mich schuldig. Ich weiss, dass unsere Eltern den allergrössten Teil der Last dieser Krankheit von uns ferngehalten haben. Die unzähligen Nächte mit den unerträglichen Schmerzen, das Wasserabsaugen, wenn die Lunge wieder vollgelaufen war. Und die Enttäuschung, wenn trotz aller Strapazen die Ärzte nur schlechte Nachrichten hatten: Davon haben wir nur einen Nachhall gehört.

Nun ist es vorbei. Darin liegt Trost. Und falls ich werde wählen dürfen, würde ich auch gerne mit wachem Sinn, vollem Bewusstsein und offenem Herzen gehen können.

Quelle: Der Bund, 24.9.2020

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