Angst am Lebensende – Thema des Bündner Palliativtags 2019

Alle zwei Jahre lädt palliative gr hochkarätige Referentinnen und Referenten nach Graubünden ein, um allen an Palliative Care Interessierten neue Ansichten und Einsichten zu bieten. Am 13. Juni war es wieder soweit, und es konnten 90 Teilnehmende am Plantahof in Landquart begrüsst werden.

Von Christian Ruch

Umrahmt von den lebhaft beklatschten Klängen eines Trios der Kammerphilharmonie Graubünden mit Clot Buchli (Klarinette und Oboe), Robert Grossmann (Gitarre) und Andrea Thöny (Kontrabass) ging es um das Thema Angst am Lebensende. Claudia Gohrbandt, dipl. Pflegefachfrau und Palliative-Care-Expertin bezeichnete Angst als „Schatten am Ende des Lebens“ und widmete sich in ihrem Vortrag den Indikatoren, Assessment-Instrumenten und Interventionsmöglichkeiten. Sie führte aus, dass 77 % der Menschen Angst äusserten, wenn es ums Lebensende geht – aber wird sie auch angesprochen? Und wovor genau haben sie Angst? Es sei vor allem die Angst, zur Last zu fallen, vor finanziellen Problemen, Isolation, Einsamkeit, dem Verlust der Würde und dem Ende der Beziehungen. Sterben, so Claudia Gohrbandt, sei der intimste Moment und die grösste existenzielle Krise im Leben eines Menschen. „Denn was bleibt von mir, wenn sich das Ich durch eine existenzielle Krise aufzulösen droht?“ Die Angst zeige sich auf der körperlichen Ebene, indem der Mensch erstarrt oder auch keine Nahrungsaufnahme mehr wünscht. Auf der sozio-kulturellen Ebene mache sich Angst in Form von Vereinsamung durch Rückzug bemerkbar, auf der spirituellen Ebene durch die Abwendung von etablierter, kirchlich geprägter Religion und eine Hinwendung zu (alternativer) Spiritualität.

Betroffene Personengruppen beim „Schattenwurf“ der Angst seien die „Unit of Care“ (Betroffene und An- und Zugehörige), ggf. auch Mitbewohner/innen, das interprofessionelle Team sowie das Ich der pflegenden Personen. Durch eine systematisch-strukturierte Vorgehensweise lasse sich die Angst lindern oder sogar auflösen, d.h. es brauche geeignete Assessment-Instrumente wie z.B. SENS oder ESAS. Eine geeignete Frage, um die Angstproblematik zu konkretisieren sei beispielsweise: „Welche Probleme, Themen und Symptome bereiten Ihnen derzeit oder für die Zukunft am meisten Sorgen?“

Bei den Interventionen gelte es, auch nicht-medizinische zu berücksichtigen (z.B. einen Tropfen Lavendelöl auf das Kissen). Der Einbezug der An- und Zugehörigen sei dabei entscheidend. Ebenso wichtig sei unaufgeregtes Handeln, auch bei medizinischen Massnahmen, darum sei eine Reservemedikation wichtig. „Wenn mir in der Angst nichts mehr bleibt, bleibt mir Hoffnung“, so Claudia Gohrbandts Fazit.

Der Onkologe und Palliativmediziner Hans Neuenschwander, Pionier der Schweizer Palliativ-Care-Bewegung, wandte sich dem Thema mit eigenen Erlebnissen aus der Praxis und feinsinnigen philosophischen Bemerkungen zu. Jeder Mensch habe Angstabwehrmechanismen, so z.B. Humor und Ironie. Niemand wisse jedoch, ob Sterben eigentlich wehtue. Und wenn man nichts wisse, müsse man alles glauben, so Neuenschwander. Angst gebe es, weil sie notwendig sei, um zu überleben, und das Pendant zur Angst sei die Hoffnung. Beide entstünden aufgrund von Erwartungen. Bei der Angst sei die Erwartung gepaart mit Vorsicht, bei der Hoffnung gepaart mit Mut. Die Erwartung wiederum basiere auf Erfahrung.

Das Motto vieler Menschen könnte lauten: „Ich weiss nicht genau, was ich will, aber ich will es unbedingt!“ Der Umgang mit Ungewissheiten führe dazu, dass Krankheit und Sterben delegiert werden, so z.B. von der Familie an die Profis, von der Gesellschaft an die Institutionen, und versucht werde, sich gegen Risiken aller Art zu versichern. Doch versichern könne man sich nicht gegen Krankheit oder Diebstahl, sondern nur gegen deren negative finanzielle Folgen. Früher habe man besser mit der Ungewissheit und dem Kontrollverlust umgehen können, weil der Tod allgegenwärtig war. Uns fehle am Lebensende das Training des Bangens. Man sollte sich daher den Ungewissheiten ganz bewusst exponieren und auch schon alltägliche Verluste wahrnehmen.

Der Ethiker Christof Arn bezog in seinem Referat zum Thema „Angst und Autonomie am Lebensende“ die Teilnehmenden ein und fragte sie: „Wovor haben Sie ganz konkret Angst, was das Lebensende betrifft?“ Die Antworten wurden in verschiedene Aspekte gruppiert: Leiden und Schmerz, Verlust der richtigen Beziehungen, Auslieferung und Ohnmacht, Andere zurücklassen, Plötzlichkeit, Endgültigkeit/Loslassen. Es zeigte sich, dass Autonomie die selbstbestimmte Gestaltung von Abhängigkeit ist. Autonomie und Abhängigkeit seien, so Arn, kein Widerspruch, weil der Mensch ohnehin in vielfältiger Weise abhängig ist. Dies setze auch voraus anzuerkennen, dass andere Menschen sich anderes wünschen als wir, was jedoch die Neugier für das Leben anderer Menschen wecken könne. Wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass unsere Wünsche wahrgenommen und respektiert werden, dann werden wir etwas weniger Angst vor dem Sterben haben müssen, zeigte sich Arn überzeugt.

Die Theologin Susanna Meyer Kunz, leitende Spitalpfarrerin im Universitätsspital Zürich, widmete sich dem Thema „Ressourcen bei existenziellen und spirituellen Ängste am Lebensende“. Das Wort Angst komme vom lateinischen angor, was Enge und Beklemmung bedeute. Existenzielle Ängste und Nöte am Lebensende seien oft Panik, Verzweiflung, die Trauer über das unvollendete Leben, eine Sinn- und Glaubenskrise („Was habe ich verbrochen?“), Reue, Schmerz und Scham. In einem interprofessionellen Setting sei es bedeutsam, auch die spirituelle Dimension einzubeziehen. Spirituelle Zugänge zur Angstbewältigung seien etwa

  • qualifiziertes Schweigen
  • Körperkontakt mit Einverständnis
  • zu Schreien und Wutäusserungen ermutigen
  • genügend Zeit zu haben
  • sich zu überlegen: Was macht den Unterschied, ob ich da bin oder nicht da bin?
  • geformte Sprache einzusetzen (bekannte Lieder, Musik, Gebete, Psalmen)
  • das freie Gebet
  • geformte Rituale (z.B. Abschiedsrituale unter Einbezug der Ärzte und Pflegenden, Segnungen u.a.)
  • Alltägliches zu würdigen (Ländlermusik am Radio, Blumen, das Wetter wahrzunehmen, ein feines Glacé zu geniessen u.a.)

In der Dignity Therapy nach Harvey M. Chochinov, die Susanna Meyer Kunz näher vorstellte, gehe es um

  • eine Würdigung der Lebensgeschichte, was es ermöglichen könne, Sinn zu erleben
  • das Erzählen der Lebensgeschichte als Geschichte
  • sinnstiftende und würdigende Narrative: „Es zählt, was erzählt werden kann“
  • die Leitfrage „Was muss ich über Sie wissen, dass ich Sie gut behandeln kann?“

 

Die Grundlage der Therapie sind Interviews anhand eines Fragenkatalogs. Mittlerweile liegt eine Indikationenliste für die Seelsorge vor, die unter www.indikationenset.ch abgerufen werden kann.

 

Eine Podiumsdiskussion mit allen Referierenden bot anschliessend die Möglichkeit, einzelne Fragen noch weiter zu vertiefen und auch das Publikum zu Wort kommen zu lassen. Einzelne Präsentationen sind im Internet unter http://www.palliative-gr.ch abrufbar.

 

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