Trauer in der Gemeinschaft – Zeit, Akzeptanz und Hoffnung

Fünf frische Gräber im Schnee von Adelboden. Foto P. Schibli

Trauern heisst, sich und den anderen Trauernden Zeit geben, über den/die Verstorbenen, den Schmerz, die gemeinsame Vergangenheit reden. Trauern heisst, den Verlust, so schmerzhaft er auch ist, zu akzeptieren, denn der Tod ist irreversibel. Die Hoffnung nicht verlieren, sondern stärken, macht die Trauer erträglicher und bildet die Grundlage für das Weiterleben der Zurückgebliebenen mit dem Schmerz.

All diese Elemente eines nachhaltigen Trauerprozesses kann man in diesen Tagen in Adelboden beobachten. Am 12. Januar 2019 verunglückten in Nordschweden sieben junge Männer bei einem Verkehrsunfall. Sechs von ihnen fanden bei dem Unglück den Tod, einer überlebte verletzt. Fünf der Toten stammten aus Adelboden und gehörten alle der gleichen Glaubensgemeinschaft an.

Fünf Tote, alle aus derselben «Familie»: das gibt es sonst nur bei Flugzeugabstürzen oder Lawinenunglücken. Entsprechend gross sitzt im Lohnerdorf der Schock.

Aber die gläubige Dorfbevölkerung kennt Regeln und Prozesse, die Trauer gemeinsam zu bewältigen. Zuerst sind die Glaubensgemeinschaften, die Landeskirchen und die politische Gemeinde zusammengerückt, gaben sich Trost, Kraft, schützten sich vor Eindringlingen (Boulevard-Journalisten) und standen sich bei. Gemeinsam wurden die Schritte nach der Katastrophe, die Abdankungsfeier, die Beisetzung, die Kommunikation geplant und umgesetzt.

Zwei Räume der Stille wurden eingerichtet, in denen Einheimische wie Auswärtige ihre Gedanken, Kondolenzwünsche, Gefühle, ihren Zuspruch schriftlich hinterlassen und zum Ausdruck bringen konnten.

Auf die Wünsche und Anliegen der Betroffenen wurde eingegangen. In der «Gemeinde für Christus» (GfC) fanden zahlreiche Treffen statt. Man sprach über die Verstorbenen, betete gemeinsam und feierte sogar den Geburtstag eines Verunglückten. Tränen waren erlaubt, Symbole wie Kerzen, Kränze, Blumen, Erinnerungskarten halfen, die Verzweiflung in Kraft und Zuversicht umzuwandeln.

Kraft fanden und finden die Betroffenen auch im Glauben an Jesus. Immer wieder hört oder liest man den Satz: «Wir werden Dich im Himmel wiedersehen, dort sind wir dann wieder vereint». Sich und ihre Lieben tröstend, äusserte sich im lokalen Altersheim eine Grossmutter, die in Schweden ihren Enkel verloren hatte.

Der Glaube an das Jenseits und ein Wiedersehen wird möglich durch die Akzeptanz des Verlusts. Man akzeptiert den Tod und weiss, dass es auf die Frage nach dem „Warum“ keine Antwort gibt.

Hoffnung, Trost, Zuversicht und der Glaube an ein Wiedersehen im Jenseits sind ganz starke Instrumente im Trauerprozess.

Über das Ganze gesehen ist die noch laufende Trauerarbeit im Adelboden ein Lehrbuchbeispiel, wie man verstorbene Freunde und Familienmitglieder betrauern und unvorstellbare Schicksalsschläge GEMEINSAM bewältigen kann.

Ich bewundere die betroffenen Adelbodner Familien, wie Sie mit Hilfe des Glaubens, ihrer Würde, innerer Stärke und Zusammenhalt den Verlust ihrer Grosskinder, Söhne, Freunde sowie Geschwister verarbeiten und daran nicht verzweifeln. Hochachtung.

Peter Schibli, Gümligen (regelmässiger Stammgast in Adelboden)

Der Beitrag erschien am 12. Februar 2019 im Frutigländer (Seite 4)

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