Tod und Trauer im Entschligtal (Adelboden)

Heute findet in Frutigen die Trauerfeier für die sechs in Schweden tödlich verunfallten jungen Männer statt. Fünf von ihnen stammten aus Adelboden. Die Betroffenheit ist weit über das Engstligental (alte Form: Entschligtal) hinaus gross. Im digitalen Zeitalter hat die Trauerkultur eine andere Form und andere Rituale. Wie wurde vor 100 Jahren im Entschligtal getrauert? Aus Anlass der Abdankungsfeier eine Wiederholung dieses Beitrags aus dem Jahr 2017.

Leichenzug: Vom Wohnhaus in die Kirche

In den letzten hundert Jahren haben sich die Abschieds-, Trauer- und Begräbnisrituale im hinteren Entschligtal merklich verändert. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts grosser Wert auf Tradition und Form gelegt wurde, haben in den letzten Jahren Individualität und persönliche Gestaltung der Trauerfeiern und Abschiedszeremonien an Bedeutung gewonnen.

Von Claudia Gohrbandt und Peter Schibli 

Augenfälligste Veränderung ist das Fehlen des Leichenzugs durch das Dorf Adelboden. Bis in die siebziger Jahre wurde der Sarg in einem begleiteten schwarzen Zug vom Trauerhaus auf den Friedhof, resp. in die Kirche gebracht. Als Regel galt: Verstorbene von der Schattseite (Boden, Bunder, Hirzboden) wurden direkt auf den Gottesacker gefahren. Bis 1930 befand sich dieser bei der Kirche. Ab 1931 wurde auf dem neuen Friedhof unterhalb der Mineralquelle beerdigt, auf dem ehemaligen Eisfeld des dortigen Grand Hotels.

Wer auf der Sonnseite (Schwand, Vorschwand, Ausserschwand, Heinrichseggen, Gillbach) verstarb, wurde zuerst in die Kirche gebracht, wo die Abdankung stattfand. Erst nach der Feier wurde der Tote dann auf den Friedhof gefahren. Im Winter erfolgte der Transport mit Schlitten oder Karren, im Sommer mit dem alten Leichenwagen, dessen Ross von der Fuhrhalterei Dänzer gestellt wurde.

Hanspeter Allenbach, der von 1964 bis 1998 in Adelboden als Bestatter wirkte, erinnert sich: „Mein Vater und ich gingen jeweils zu Fuss ins Trauerhaus, um Mass zu nehmen.“ Früher schaufelte der Friedhofgärtner die Gräber entsprechend der Grösse der Verstorbenen. Der Sarg wurde vom Bestatter höchstpersönlich gezimmert und schwarz angestrichen. Über Nacht konnte der Lack trocknen. Am nächsten Morgen wurden dann die Beschläge angebracht.

Der Bestatter sargte den Verstorbenen im Trauerhaus ein. Die Aufbahrung erfolgte offen. Laut einem ungeschriebenen Gesetz musste die Kirchenglocke an drei Tagen hintereinander läuten, bevor man den Toten in die Kirche oder in die Leichenhalle fuhr. Der Grund: Man hatte Respekt, Scheintote zu begraben und wollte der Seuchengefahr entgegenwirken. Eingesargt wurde früher im besten Sonntagsgewand, im Spitzenhemd, in der Regel im „Halbleinigen“. Heute geht der Bestatter auf die individuellen Wünsche der Angehörigen ein.

Blumenschmuck geklebt

Eine spezielle Erinnerung hat Hanspeter Allenbach ans Anbringen des Blumenschmucks. Zu Beginn seiner Tätigkeit nagelte er das Sargbouquet auf den Deckel. Weil ihn dieses lärmende Nageln störte, befestigte er die Blumen fortan mit Klebeband auf dem Sarg. Am Leichenwagen konnten auf drei Seiten Kränze angebracht werden. Im Vergleich zu heute war der Kranzschmuck früher eher spärlich.

Ein schöner Brauch war in der vortelefonischen Zeit das Informieren. Nach einem Todesfall zogen männliche Verwandte, zum Beispiel Neffen oder Cousins, von Hof zu Hof und verkündeten den Tod sowie den Abdankungstermin persönlich. Diese Tätigkeit wurde „z Liich heesse“ genannt.

Nach der Kirche auf den Friedhof

Am Tag der Bestattung fanden sich die Verwandten und Bekannten schwarz gekleidet im Trauerhaus ein, tranken Kaffee und assen. Mädchen trugen eine schwarze Schürze. Viele Adelbodmerinnen und Adelbodmer erinnern sich an den schwarzen Trauerknopf. Dieser gehörte zur Trauerkleidung, die ein Jahr lang getragen wurde. Die Kondolenzbesuche der Trauergäste nahmen manchmal Ausmasse an, welche ein Trauern der engen Angehörigen erschwerte.

Verlor ein Bauer einen oder eine nahe Angehörige, dann verzichtete er während eines Jahres darauf, dem „Väh“ beim „zBerg gehen“ oder auf der Alp Glocken umzuhängen.

Gemeinsam begleitete man den Leichenzug ins Dorf. Passanten, die dem Zug begegneten, hielten inne, zogen die Kopfbedeckung und verneigten sich. Am 17. April 1979 führte Hanspeter Allenbach den letzten Leichenzug durch Adelboden.

Beratung der Angehörigen

Seither erfolgt der Transport des eingesargten Verstorbenen in der Regel ohne Begleitung, mit dem Auto. Für das Schaufeln des Grabes wird auch nicht mehr Mass genommen. Peter Allenbach, der das Amt des Bestatters 1998 von seinem Vater übernommen hat, regelt die Formalitäten und besorgt die Einsargung. Die Särge bezieht er heute bei einem Schweizer Sarglieferanten im Rohzustand. Beschläge und Ausstattung bringt er in der eigenen Werkstatt an. Während es früher nur ein Sargmodell gab, sind die Auswahl und die Preisklassen heute vielfältig.

Die gewachsene Mobilität hat ihren Preis. Die Arbeit des Bestatters ist aufwändiger geworden. Das Zivilstandsamt befindet sich in Thun. Wenn Peter Allenbach zu einem Todesfall gerufen wird, dann kümmert er sich schwergewichtig um die Beratung, Betreuung und Begleitung der Hinterbliebenen. Im Trauergespräch geht er einfühlsam auf die individuellen Wünsche der Trauerfamilie ein. So hilft er beim Organisieren des Trauerzirkulars, das via Post an alle Adelbodmer Haushalte verteilt wird. Ihm obliegt auch die Organisation der Bestattung. Die Angehörigen setzen sich mit dem Pfarrer in Verbindung, um die Details der Trauerfeier zu besprechen. Bei den verschiedenen Glaubensgemeinschaften gelten spezielle Regeln.

Abdankungsfeier und Bestattung werden gemäss den persönlichen Wünschen der Angehörigen durchgeführt. Die Urnenbestattung hat in vielen Fällen die früher übliche Erdbestattung abgelöst. Während es 1985 nur Erdbestattungen gab, ist das Verhältnis zur Kremationen heute ungefähr halbe-halbe. Bestattet wird entweder im Einzelgrab oder im wunderschönen Gemeinschaftsgrab. Dieses symbolisiert die fünf Adelbodmer Bäche. Verstorbene werden in dem Teil bestattet, zu welchem sie sich zugehörig fühlten. Zugenommen hat auch die Zahl der Bestattungen ohne Abdankung. Der Pfarrer wird nicht mehr in jedem Fall ans Grab gerufen.

Leichenmahl

Zum Leichenmahl lädt nicht der Bestatter ein, sondern der Pfarrer im Auftrag der Angehörigen im Anschluss an die Abdankung. Eingeladen sind in der Regel die engsten Angehörigen, die Jahrgänger und die Auswärtigen. Früher wurde meist ein volles Menu serviert, heute gibts beim Zusammensein in der Regel ein „Zvieriplättli“.

Die Grabpflege wird heute im hinteren Entschligtal, genau wie früher, von Familienangehörigen erledigt. Auswärtige lassen die Gräber vom Adelbodmer Friedhofsgärtner pflegen.

Um verstorbene Angehörige und Freunde wurde damals wie heute getrauert. Früher geschah dies eher zu Hause. Heute kommen die Emotionen auch während der Abdankungsfeier, am Grab und im Dorfleben zum Ausdruck. Peter Allenbach fasst zusammen: „Früher gehörte der Tod zum Leben, genau wie die Geburt. Heute wird der Tod vielfach aus dem Alltag verdrängt und kommt dann umso überraschender.“

Der Beitrag ist im Adelbodner „Hiimatbrief“ im September 2017 erschienen

http://www.dorfarchivadelboden.ch/

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Ein Kommentar

  1. Es hat sich so viel verändert in der Trauerbewältigung. Meine Mutter war förmlich entsetzt, weil bei der Trauerfeier für eine junge verstorbene Frau fröhliche Musik gespielt wurde. Ich sagte, vielleicht hat sie das so gewollt, weil sie wusste dass sie sterben wird. Da war sie sehr erstaunt dass das geht. Viele Grüße Kat. Ach und ich finde die Beiträge in diesem Blog sehr gut!

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